„Schwerstkriminalität“ in der KiTa

Als Strafverteidiger erlebt man die verrücktesten Fälle, die von Staatsanwälten zur Anklage gebracht werden. Aber es wird immer etwas geben, was jeden Fall übertreffen kann. So jetzt folgende Geschichte, die Herr Rechtsanwalt Dr. Frank Nobis aus Iserlohn schildert und den wir Ihnen an dieser Stelle auf keinen Fall vorenthalten möchten:

DER TATORT:
Eine Kindertagesstätte.

DAS OPFER:
Ein eineinhalbjähriges Kleinkind.

DAS TATWERKZEUG:
Ein handelsüblicher Kinderhochstuhl mit Sicherheitsbügel, dass das Kind nicht herausfällt.

DIE TAT:
Das Kind sitzt in diesem Kinderhochstuhl und eine Erzieherin hält es dazu an, seinen Gemüsebrei zu essen. Das Kind mag ihn aber nicht essen und weint.

DIE ANZEIGE:
Einer 15-jährigen Praktikantin tut das Kind leid. Sie bringt dieses Geschehen bei der Polizei zur Anzeige.

POLIZEI UND JUSTIZ SCHREITEN EIN:
Durchsuchung der KiTa nebst Beschlagnahme des Kinderhochstuhls und Vernehmung von acht Erzieherinnen, dazu Einschaltung von Jugendamt und Aufsichtsbehörde.

DIE ANKLAGE: (Ja, es gab eine!)
Die Erzieherin habe sich unter anderem durch das Anbringen des Sicherheitsbügels am Stuhl, wodurch das Kind nicht mehr alleine vom Stuhl klettern konnte, wegen Freiheitsberaubung strafbar gemacht.

Angeklagt wurde übrigens zum Schöffengericht. Straferwartung dort: zwei bis vier Jahre Freiheitsstrafe (ab 2 Jahre 1 Monat kann eine Freiheitsstrafe nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden).

DAS URTEIL:
Zum Glück keins. Während der Herr Kollege Dr. Nobis bei der – kinderlosen – Staatsanwältin nicht mit seinen Argumenten für seine Mandantin durchdringen konnte, stellte sich dies bei der zuständigen Richterin – sie ist Mutter – zum Glück ganz anders dar. Sie ließ die Anklage gar nicht erst zu, sondern wies sie mit deutlichen Worten für die Staatsanwältin zurück. Unter anderem erklärte sie ihr etwas über den Sicherheitsaspekt des Sicherheitsbügels von Kinderhochsitzen.

DIE KOSTEN DES VERFAHRENS:
Diese trägt natürlich der Steuerzahler.

Weitere Einzelheiten zu diesem skurrilen Fall finden Sie hier.

Und wenn Sie das nächste Mal aus TV, Hörfunk und Presse etwas über eine überlastete Justiz und zu viel Überstunden bei der Polizei vernehmen, dann erinnern Sie sich bitte an diesen Fall zurück.

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